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Das Training beginnt im Kopf06.06.2007
Wer läuft, tut dies meist, ohne darüber nachzudenken. Nebenher kann man sich unterhalten, die Landschaft betrachten oder einfach nur die Gedanken schweifen lassen. Anders sieht es bei Menschen aus, die – etwa nach einer Operation – das Gehen wiedererlernen müssen: Bis der Bewegungsablauf sich wieder automatisiert hat, müssen sie sich bewusst auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren und jedes Detail der Bewegung neu abspeichern. Die Tatsache, dass das Erlernen von Bewegungen durch die Kraft der Gedanken unterstützt werden kann, macht sich das Konzept des mentalen Trainings zunutze. Wie diese ursprünglich für den Sport entwickelte Technik eingesetzt werden kann, um das Gehtraining zu optimieren, beschreibt die Münchener Physiotherapeutin Stephanie Lurz in der Fachzeitschrift "physiopraxis" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2007). Ein schönes Beispiel für mentale Trainingsarbeit gab Rodelstar Georg Hackl bei den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin: Vor dem Rennen konnte man den mehrfachen Olympiasieger dabei beobachten, wie er sich mit geschlossenen Augen sanft hin- und herwiegte und dabei spürte, wie es sich anfühlt, die Kurven des Eiskanals zu durchfahren. "Dieses so genannte ideomotorische Training ist auch Bestandteil des mentalen Gehtrainings", sagt Stephanie Lurz. Die Patienten sollen dabei die Bewegungen des Gehens nachempfinden, ohne sie tatsächlich auszuführen. "Man kann zum Beispiel den Druck der Ferse beim Aufsetzen des Fußes empfinden und spüren, wie er über die Außenseite abrollt", erklärt die Münchener Physiotherapeutin weiter und verweist auf eine Studie, nach denen die Muskeln während des ideomotorischen Trainings auch ohne Bewegung aktiviert werden. Sogar die Muskelkraft nimmt durch die Gedankenarbeit leicht zu. Das mentale Training beinhaltet noch zwei weitere Techniken, deren Reihenfolge und Gewichtung jeder Patient selbst bestimmen kann: Beim so genannten subvokalen Training wiederholt der Patient den detaillierten Bewegungsablauf mehrfach im Selbstgespräch. Dabei spricht er sich die einzelnen Gangphasen hörbar oder lautlos vor. Beim verdeckten Wahrnehmungstraining dagegen betrachtet sich der Patient selbst vor seinem inneren Auge, wie er die korrekten Bewegungen ausführt. Beispielsweise kann der Betroffene versuchen, sich wie in einem Film von außen dabei zu beobachten, wie er vier Schritte geht. Bei all diesen Trainingsformen werden in der motorischen Großhirnrinde des Patienten so genannte Spiegelneurone aktiviert, die für die jeweilige Bewegung „zuständig“ sind. Das Besondere an diesen Nervenzellen ist, dass sie nicht nur dann aktiv sind, wenn die passende Handlung ausgeführt wird, sondern auch bei der reinen Vorstellung der entsprechenden Bewegungen. Egal auf welche Weise die Spiegelneurone angesprochen werden: Bereits durch ihre Aktivierung wird der Bewegungsablauf gebahnt und ein Trainingseffekt erzielt. Nach Ansicht von Stephanie Lurz ist die mentale Trainingsarbeit daher ideal geeignet, um Therapiepausen oder Phasen der Immobilisierung zu überbrücken. "Am stärksten werden die Spiegelneurone jedoch aktiviert, wenn man zeitgleich zur mentalen Vorstellung auch die Bewegung ausführt", betont die erfahrene Physiotherapeutin. Das mentale Training solle das motorische Training daher immer nur ergänzen und niemals vollständig ersetzen. S. Lurz: Die Kraft der Gedanken, Gehtraining – ein mentales Konzept, physiopraxis 2007; 5 (5): S. 26–29
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