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Brauchen Migränepatienten manchmal ihre Attacke?

20.11.2006
Stress, Hektik und hohe Anforderungen prägen den beruflichen Alltag vieler Menschen. Damit die persönlichen Grenzen der Belastbarkeit nicht überschritten werden, brauchen Körper und Geist auch mal eine Pause. Die meisten Menschen schaffen sich ihre Freiräume. Doch nicht jedem gelingt es. Problematisch wird dies besonders für Menschen, die unter Migräne leiden. Die Attackenhäufigkeit und -stärke können zunehmen. Ist die Migräneattacke vielleicht die einzige Auszeit für die Patienten?

Der Ruf, ein eingebildeter Kranker und Drückeberger zu sein, eilt Migränepatienten seit Jahrzehnten voraus. Ärzte und Wissenschaftler wissen es inzwischen besser: Migräne ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die für den Betroffenen sehr viel Leid mit sich bringen kann.

Das Gehirn von Migränepatienten reagiert auf Reize besonders empfindlich, so dass, schneller als bei gesunden Menschen, eine Reizüberflutung eintritt. Das Gehirn kann nicht „abschalten“. Nehmen die Betroffenen nicht rechtzeitig eine Auszeit, kommt es zu einer Überlastung des Gehirns. Die Migräneattacke ist die schmerzhafte Folge. Die Erkrankung verhilft den Betroffenen in diesem Fall zur nötigen Pause und zum Abstand vom täglichen Stress.

Die Migräne kann also eine Form von Streik gegen Überlastung darstellen und den Betroffenen zur Ruhe zwingen. Und diese Streikform gilt für jeden Menschen, wie der Neurologe Thomas Willis, schon 1672 bemerkte: „Diese Krankheit (Migräne) gehört zu keinem Temperament, keiner Konstitution, Lebensweise, und zu keiner Art offensichtlicher oder unmittelbarer Ursachen, sie befällt wahllos Kühle und Hitzige, Nüchterne und Trinker, Fastende und Satte, Fette und Ausgemergelte, Junge und Greise, also Beliebige jeglichen Alters, Einkommens und Standes.“

Betroffene müssen lernen, die Auslöser für ihre Beschwerden zu erkennen. „Gefahr erkannt“ heißt aber noch nicht „Gefahr gebannt“. Nicht jede private oder berufliche Überbelastung lässt sich auf Knopfdruck umstellen. Oft ist ein regelrechtes „Nein-Sage-Training“ erforderlich.

Auch eine medikamentöse Vorbeugung, wie sie mit dem Wirkstoff Topiramat seit einem Jahr zur Verfügung steht, kann in dieser Situation unterstützen. Sie ist geeignet, wenn sich die Attackenhäufigkeit auf drei oder mehr pro Monat steigert oder wenn die Migräne unerträglich ist und lang andauert. Das Risiko der Chronifizierung der Migräne kann durch eine medikamentöse Vorbeugung verringert werden.

Zur Erfassung des Kopfwehleidens gehören also die Erfassung des Alltagslebens der Patienten und die Beschreibung der Zusammenhänge, in denen das Leiden auftritt. Wer Migräne ernsthaft behandeln will, muss den Menschen ganzheitlich betrachten. Nur dann macht auch eine medikamentöse Vorbeugung wirklich Sinn und wird von den Menschen angenommen.



dgk


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