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Viele Gesichter – eine Krankheit: Fibromyalgie13.06.2007
Schätzungen zufolge leiden in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen an einer Krankheit, die schwer zu erklären ist – dem Faser-Muskel-Schmerz, der Fibromyalgie. Muskelschmerzen, Müdigkeit und Magen-Darm-Störungen sind nur einige der Symptome. Die Diagnose ist schwierig. Im Schnitt dauert es sieben Jahre und zahlreiche Arztbesuche, bis die Erkrankung erkannt wird. Betroffene gelten oft als eingebildete Kranke. Mit Schmerzmitteln und anderen Medikamenten aus der Schmerztherapie ist den Symptomen Einhalt zu gebieten. Die Symptome der Fibromyalgie können vielfältig und individuell sehr verschieden sein. Brennende, schneidende, dumpfe oder bohrende, am ganzen Körper auftretende Schmerzen und Muskelverspannungen gehören dazu. „Oft sind die Patienten chronisch müde und ständig erschöpft, finden gleichzeitig aber keinen Schlaf“, erläutert Dr. med. Martin Gessler, wissenschaftlicher Beirat im Forum Schmerz des Deutschen Grünen Kreuzes e. V. (DGK). Die Betroffenen sind einerseits kälteempfindlich, schwitzen aber vermehrt. Manche Patienten haben Magen-Darm-Beschwerden. Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme) können verstärkt auftreten und Atemnot die Erkrankung begleiten. Kein Wunder, dass es für die behandelnden Ärzte sehr schwer ist, die Fibromyalgie zu erkennen. „Krankheiten mit ähnlichen Symptomen müssen zunächst ausgeschlossen werden“, so Gessler. Als Diagnosekriterium hat sich die Schmerzempfindlichkeit bestimmter Punkte am Körper, der tender points, etabliert. „An diesen Punkten reagieren die Patienten bei leichtem Druck mit unverhältnismäßig starken Schmerzreaktionen“, berichtet der Münchner Neurologe. Der Beginn der Krankheit verläuft meist schleichend. Leichte Rückenschmerzen breiten sich immer mehr aus. Dann gesellen sich die anderen Beschwerden dazu. „Je länger die Erkrankung unbehandelt anhält, desto größer die Wahrscheinlichkeit für seelische Probleme und Depressionen“, meint Gessler. Typisch für die Fibromyalgie ist auch ein Verlauf in Schüben. Relativ ruhige Krankheitsphasen mit beschwerdefreien Stunden wechseln sich mit Phasen völliger Erschöpfung und starken Schmerzen ab. Eine Erklärung für diese Krankheit gibt es bislang noch nicht. „Möglicherweise ist aber das Immunsystem an der Entstehung beteiligt“, so Gessler. Auch Viren oder Bakterien werden als Auslöser diskutiert – allerdings ohne Beweis. Tatsache ist aber, dass etwa ein Viertel aller Borreliose-Patienten eine Fibromyalgie entwickelt. „Auf jeden Fall scheint die Schmerzverarbeitung bei den Patienten gestört zu sein“, erklärt Gessler weiter. Das Verhältnis schmerzstillender und Schmerz auslösender Neurotransmitter ist bei der Fibromyalgie aus dem Gleichgewicht gekommen. Die Behandlung der Fibromyalgie ist genauso individuell wie die Erkrankung selbst. Es gibt eine Reihe von Medikamenten, darunter Schmerzmittel, Antidepressiva, Muskelrelaxanzien und Antiepileptika, die alle wirksam sind. „Welcher Wirkstoff oder welche Wirkstoffkombination im Einzelfall jedoch erfolgreich ist, kann nicht vorhergesagt werden“, bestätigt der Schmerzexperte. Unter den Schmerzmitteln spielen Paracetamol und Flupirtin eine große Rolle. „Bei extrem starken Schmerzen kann der Einsatz von Opioiden sinnvoll sein“, weiß Gessler aus Erfahrung. Oft wird eine Kombination aus schwachem Opioid und leichtem Schmerzmittel eingesetzt. Antidepressiva machen vor allem dann Sinn, wenn depressive Verstimmungen die Beschwerden begleiten. Muskelrelaxantien sind zwar wirksam, fördern aber meist die Müdigkeit und sind deshalb nur bei solchen Patienten zu empfehlen, die keine Schlafprobleme aufweisen. Antiepileptika vermindern generell die Aktivität von Nervenzellen und wirken auch bei Fibromyalgie schmerzlindernd. „Als begleitende Behandlung hat sich körperliche Bewegung, wie Gymnastik, Schwimmen, Radfahren oder Walking, als hilfreich erwiesen“, empfiehlt Gessler den Betroffenen. Nach einem sanften Training ist der Körper weniger anfällig für die Schmerzen. Auch eine Wärmebehandlung wirkt über die vermehrte Durchblutung der betroffenen Areale schmerzlindernd. Der wichtigste Rat für die Patienten ist, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern selbst aktiv zu werden. Fibromyalgie ist keine lebensbedrohliche Krankheit. „Mit der individuell richtigen Medikation, viel Geduld und einem festen Willen können Betroffene wieder ein aktives Leben führen“, ermutigt der Münchner Experte die Patienten.
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