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Tugend der Jugend13.11.2009
Neuerdings erforschen Psychologen die Lebensklugheit von Menschen ganz praktisch. Ihre Tests und Befragungen zeigen: Weisheit ist kein Privileg des Alters, sondern formt sich schon in jungen Jahren.Was ist Weisheit? Psychologen vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung definieren sie als Expertenwissen zu grundlegenden Fragen des Lebens. Um es empirisch zu untersuchen, postulierte der Weisheitsforscher Paul Baltes bereits vor mehr als 20 Jahren fünf wesentliche Säulen diese Fähigkeit: Fakten- und praktisches Wissen, Denken in Kontexten, Toleranz für andere Werte sowie Umgang mit Unsicherheit. Um diese Eigenschaften bei Personen zu messen, lassen die Forscher ihre Probanden laut über problematische Lebensszenarien nachdenken und legen diese Gedankenprotokolle dann unabhängigen Ratern zur Beurteilung vor. Bis heute wurde dieser Weisheitsmaßstab an mehr als 1000 Personen angelegt – mit teils verblüffenden Ergebnissen. "Wir hätten es kaum für möglich gehalten, wie wenig Weisheit im Erwachsenenalter mit den Lebensjahren zusammenhängt", sagt Ursula Staudinger, heute Psychologieprofessorin an der Jacobs University Bremen. "Natürlich sammeln Menschen im Lauf der Zeit immer mehr Erfahrungen. Es reicht aber nicht aus, bloß älter zu werden, um auch weiser zu werden. Weisheit bezeichnet eben eine besondere Art, das Erlebte einzuordnen und zu deuten." Eine Studie der Psychologinnen Judith Glück und Susan Buck von 2005 bestätigte dies. Demnach unterscheiden sich Jung und Alt hinsichtlich der Anzahl und Ausführlichkeit ihrer persönlichen Weisheitserlebnisse nicht. Allerdings gibt es inhaltliche Differenzen: Jugendlichen berichten eher von empathischer Einfühlung und Unterstützung, für jungen Erwachsenen spielt Eigenverantwortung eine wichtige Rolle, und im Alter bedeutet Weisheit oftmals, dem eigenen Leben rückblickend Sinn zu verleihen. Besonders reiche Lebenserfahrung – also eine Vielzahl einschneidender Lebensereignisse und Krisen wie Jobwechsel, Trennung vom Partner oder der Verlust von Angehörigen – führt freilich nicht zu stetem Anwachsen der individuellen Weisheit; vielmehr scheint es eine Art Optimum zu geben; wird es überschritten, sinkt die Weisheitskompetenz. Forscher um den Psychiater Michael Linden von der Charité Berlin sprechen in besonders gravierenden Fällen von einer "Posttraumatischen Verbitterungsstörung". Die Mediziner und Psychologen versuchen, mit Hilfe eines am Berliner Weisheitsmodell orientierten Behandlungsansatzes Menschen gezielt zu helfen, die sich aus Gram über verpaßte Chance oder Niederlagen auf sich selbst zurückziehen. Erste positive Resultate dieser "Weisheitstherapie" zeigen: Lebensklugheit ist (zu einem gewissen Maß) tatsächlich lernbar. Quelle: Gehirn&Geist, Dezember 2009
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