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Persönlichkeit & Psyche

Warum Patienten sich Krankheiten selbst zufügen

27.05.2008
In ihrer täglichen Praxis treffen Ärzte immer wieder auf Menschen, die sich Verletzungen selbst zufügen. Oft dauert es viele Monate, bis die Mediziner ihnen auf die Schliche kommen. Doch mit Vorwürfen und Anschuldigungen ist den Patienten nicht geholfen. Sie benötigen eine psychologische Betreuung, um die tieferen Ursachen der "heimlichen Selbstmisshandlung" zu finden, schreibt ein Psychotherapeut in der Fachzeitschrift "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2008).

Die junge Frau, deren Krankengeschichte Professor Kurt Fritzsche von der Universität Freiburg beschreibt, war über drei Jahre immer wieder wegen fieberhafter Infektionen mit Antibiotika behandelt worden. Doch sie litt nicht an einer Abwehrschwäche, wie die Ärzte lange vermuteten. Die Laborassistentin hatte sich regelmäßig schmutziges Wasser in die Venen gespritzt. Als die Ärzte schließlich Verdacht schöpften, stritt die Frau jede Manipulation ab, was nach Auskunft von Professor Fritzsche, der an der Universität Freiburg Patienten psychosomatisch betreut, nicht ungewöhnlich ist. Die Patienten leben hinter einer selbsterrichteten Fassade, die nur schwer zu durchdringen ist. Sie bestreiten ihre Tat beharrlich und alle Aufforderung das selbstschädigende Verhalten zu beenden, prallen an ihnen ab.

Fritzsche deutet die heimliche Selbstmisshandlung aber auch als "verstecktes Beziehungsangebot" an den Arzt. Der Patient schreie förmlich nach Hilfe, doch die Scham vor der eigenen Tat verhindere, dass er sich dem Arzt offenbare. Hier sei viel Einfühlungsvermögen gefordert. Der Patient müsse sich akzeptiert fühlen und er dürfe nicht die Angst haben, das Gesicht zu verlieren.

Auf diese Weise gelang es den Ärzten schließlich, die tieferen Beweggründe der jungen Frau zu erfahren. Sie war nach einer Party vergewaltigt worden und fühlte sich seither "schmutzig und wertlos". Mit den Antibiotika, die sie sich durch die Verletzungen erschlich, wollte sie den Körper reinigen. Körperlicher und sexueller Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, Trennungs- und Verlusterlebnisse werden oft durch Selbstverletzungen verarbeitet. Durch die Identifizierung mit dem Aggressor versuchen die betroffenen Menschen die Opferposition aufzugeben und werden zum Täter, deutet der Psychosomatiker das Verhalten.

Artifizielle Erkrankungen, so der Fachausdruck der Mediziner, sind übrigens keineswegs selten. Professor Fritzsche schätzt, dass zwei Prozent aller Hausarztbesuche durch selbst beigefügte Verletzungen verursacht werden. Oft seien es junge Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren und nicht selten seien sie im Gesundheitswesen beschäftigt.

K. Fritzsche et al.:
Artifizielle Krankheit - Fieber und verzögerte Wundheilung.
DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 08;
133 (19): S. 1004-1006



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