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Persönlichkeit & Psyche

Vor lauter Wut bleibt die Luft weg

10.07.2008
Der zweijährige Marvin spielt im Wartebereich des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) im Elisabeth-Krankenhaus Essen auf einem Kletterschiff. Seine Mutter beobachtet ihn besorgt. Und da passiert es auch schon wieder: Der Junge springt vom Schiff, fällt hin und tut sich weh. Einen Moment lang bleibt er erschrocken liegen, dann schreit er laut seinen Schmerz und seine Wut heraus. Plötzlich wird er stumm und hält die Luft an. Sein Körper ist jetzt schlaff und die Haut verfärbt sich bläulich. Nach etwa 30 Sekunden kommt Marvin wieder zu sich und spielt weiter. Die Mutter ist voller Angst und doch froh, dass es diesmal genau hier passiert ist, denn wegen dieser Anfälle, die bei Marvin seit einiger Zeit regelmäßig aufgetreten, ist sie ja ins SPZ gekommen.

„Das Auftreten, der Ablauf und die Symptome des Anfalls sind typisch für einen respiratorischen Affektanfall – bzw. breath-holding spell“, erläutert Dr. Claudio Finetti, Kinderneurologe und Oberarzt im Essener SPZ. „Umgangssprachlich kennt man solche Anfälle auch unter dem Namen Wegschreien, Schrei- oder Wutkrämpfe. Es sind Bewusstseinsstörungen, die durch unangenehme Reize wie Schmerz, Enttäuschung oder Wut ausgelöst werden. Die Erregung des Kindes kann einen krampfartigen Verschluss der Stimmritze mit nachfolgendem Aussetzen der Atmung bewirken. Gleichzeitig kommt es zu einer Kreislaufstörung durch Abfall des Blutdrucks und einer Verlangsamung des Herzschlags. Die verminderte Sauerstoffversorgung des Körpers führt zur Bewusstlosigkeit und zur Blauverfärbung der Haut. In manchen Fällen kommt es auch zu Zuckungen der Arme und Beine.“

Ausschluss einer Epilepsie

Der Ablauf eines Affektanfalls kann sehr dramatisch aussehen und die Eltern in Angst und Schrecken versetzen. Häufig alarmieren sie bei einem ersten Auftreten den Notarzt, da sie glauben, es handele sich um einen epileptischen Anfall oder um eine noch schlimmere Erkrankung. „Respiratorische Affektkrämpfe sind ein häufiges, verhältnismäßig harmloses Phänomen bei Säuglingen und Kleinkindern“, beruhigt Dr. Finetti. „Etwa fünf Prozent aller Kinder erleiden diese Anfälle – manche nur einmalig, andere mehrere am Tag und immer wieder. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Zumeist treten die Anfälle zwischen dem sechsten und 18. Lebensmonat auf – selten früher oder nach dem fünften Lebensjahr. Bei jedem vierten der betroffenen Kinder besteht eine familiäre Veranlagung. Das heißt, auch bei Geschwistern oder bei den Eltern wurden in der Kindheit Affektkrämpfe beobachtet. Durch eine genaue Anamnese und eine ausführliche neurologische Untersuchung – die in dem Alter der betroffenen Kinder aber meist schwierig ist – kann in der Regel die Diagnose gestellt werden. Im Zweifelsfall sollte die Vorstellung des Kindes bei einem erfahrenen Kinderneurologen erfolgen, der mit Hilfe eines EEG die Hirnströme aufzeichnet, um die harmlosen Affektanfälle von einer behandlungsbedürftigen Epilepsie abzugrenzen.“

Ablenkungsmanöver
Medikamente zur Behandlung der respiratorischen Affektanfälle gibt es nicht. Und da sich im Alltagsleben Gefühle wie Wut, Enttäuschung oder Schmerzen bei Kindern nicht verhindern lassen, ist eine vorbeugende Therapie fast nicht möglich. Dr. Finetti: „Eltern raten wir, dem Kind in angespannten Alltagssituationen liebevolle Zuwendung zu geben. Die Angst vor evtl. auftretenden Affektanfällen sollte aber nicht dazu führen, dass sie ihren Kindern alles durchgehen lassen. Auch Kinder, die unter respiratorischen Affektanfällen leiden, müssen lernen, wo ihre Grenzen sind und dass ihnen nicht alle Wünsche erfüllt werden können. Sollten Eltern damit Schwierigkeiten haben, kann ein Beratungstermin in einer Erziehungsberatungsstelle oder bei einem Kinderpsychotherapeuten hilfreich sein.“

Kündigt sich ein Anfall an, können Eltern versuchen, das Kind von seinem Schmerz oder der Wut abzulenken. Dies kann zum Beispiel durch lautes Zurufen oder Klatschen in die Hände erfolgen. Da der Anfall jedoch häufig sehr rasch abläuft, kommen solche Manöver meist zu spät. „Tritt ein Anfall auf, ist es wichtig, dass die Eltern Ruhe bewahren. Verliert das Kind das Bewusstsein, sollte es auf die Seite gelegt werden. Eine Beatmung ist in diesem Fall nicht notwendig und kann eher schaden als nutzen“, so der Kinderneurologe und beruhigt: „eine solche Bewusstlosigkeit endet spontan und hinterlässt keinen bleibenden Schaden im Gehirn. Selbst bei häufigerem Auftreten von Anfällen und längerer Dauer sind bisher keine nennenswerten Folgeschäden beobachtet worden.“

Nachdem sich der Schrecken im Wartebereich des SPZ gelegt hat, wird Marvin eingehend untersucht. Anhand der Anamnese und der Ergebnisse der neurologischen Untersuchungen bestätigt sich der Diagnoseverdacht. Marvins Mutter ist beruhigt, da sie nun weiß, wie sie bei einem auftretenden Anfall reagieren muss und dass die Affektanfälle ihres Sohnes in einigen Monaten oder spätestens in einigen Jahren überstanden sind.

EKE



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