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Persönlichkeit & Psyche

Suizidverdacht ernst nehmen

08.05.2007
Etwa die Hälfte aller Menschen, die sich das Leben nehmen, suchen vorher ihren Hausarzt auf. Doch nur selten offenbaren sie dem Mediziner ihre Absichten. Dennoch halten es Experten für möglich, dass die Ärzte die Gefahr erkennen und Menschenleben retten können. Wie, das erläutern sie im Gespräch mit der "DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2007).

Professor Ulrich Hegerl von der Universität Leipzig rät den Ärzten, die Patienten konkret auf das Thema anzusprechen, wenn sie einen Verdacht schöpfen. Ob sie das Gefühl hätten "alles hinschmeißen" zu müssen, sich öfter mit dem Totsein beschäftigen oder schon einmal darüber nachgedacht hätten, sich das Leben zu nehmen, solle der Arzt seinen Patienten höflich aber bestimmt fragen. Wenn die Patienten ausweichen, sollte der Arzt hartnäckig bleiben: Er habe den Eindruck, dass es etwas wichtiges gebe, über das man miteinander reden sollte, könnte der Mediziner fragen, um bei ausweichenden Antworten zwischen den Zeilen zu lesen. Auch beiläufig geäußerte resignierende Äußerungen der Patienten müssten ernst genommen werden, fordert Hegerl, der Vorsitzender des Deutschen Bündnisses gegen Depressionen ist.

Wenn es dem Arzt gelingt, einen Draht zum Patienten zu finden, kann diesem häufig geholfen werden. Denn neun von zehn Suizidopfern haben psychische Störungen, die heute behandelt werden können. Etwa die Hälfte der Betroffenen leidet an Depressionen, gefolgt von Suchterkrankungen und Psychosen wie der Schizophrenie, weiß der Diplompsychologe Georg Fiedler vom Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Diese Menschen hätten ein generell erhöhtes Suizidrisiko. In die Tat setzen sie ihre Absicht meistens dann um, wenn akute Krisen wie Arbeitslosigkeit, Schulden, Scheidung oder Trennung hinzukommen. Menschen mit Schizophrenie seien gefährdet, wenn die Einsicht in die eigene Krankheit beginne. Doch auch in diesen Krisensituationen könne den meisten Menschen geholfen werden, so Fiedler und Hegerl.

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr etwa 11.000 Menschen das Leben, mehr als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Mord und Aids zusammengenommen. Die Zahlen sind seit 20 Jahren rückläufig, ohne dass die Experten die Gründe kennen.



F. Witte: Suizide oft vermeidbar? DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift 2007; 132 (16): S. 863-864


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