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Software-Probleme des Nervensystems21.03.2007
Patienten mit chronischen Schmerzen machen einen wesentlichen Anteil in einer neurologischen Praxis aus. Bei vielen kann keine oder keine hinreichende Ursache gefunden werden. Der Arzt empfindet sie oft als schwierige Patienten und steht vor der verantwortungsvollen Entscheidung, entweder als nächste Stufe aufwendigere – meist nutzlose – Diagnostik zu veranlassen oder den Patienten gemeinsam zu einer Akzeptanz der Schmerzen zu führen.Es handelt sich um die Gruppe von Patienten, die man früher als Hypochonder stigmatisiert hat, ohne damit an dem Leiden etwas zu ändern, die dann als Psychosomatiker Karriere machten um später mit dem Etikett "somatoforme Störungen" in die Krankengeschichten einzugehen. Ein Beitrag in der Zeitschrift "Aktuelle Neurologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2007) beschreibt den langen Weg dieser Patienten mit "medizinisch ungeklärten Symptomen" bis zu der Erkenntnis: Der Schmerz wird sich nicht ändern, also muss sich das Leben ändern. Unsere Kultur und die Erfahrung der meisten Patienten bereiten nicht darauf vor, Schmerzen zu akzeptieren. Vielmehr sind die Menschen gewohnt, bei einem störenden Symptom medizinische Hilfe zu suchen, die dieses Symptom schnell und möglichst vollständig wieder beseitigen soll. Dagegen erfährt nun der Patient mit chronischen Schmerzen, dass er mit Unterstützung des verständnisvollen Arztes lernen muss, damit zu leben. Medizinisch ungeklärte Symptome mit einer Dauer von mehr als vier Monaten haben eine schlechte Prognose. Unsere Gesellschaft akzeptiert keine psychischen Störungen, kann sich aber stattdessen mit dem Begriff einer funktionellen Störung anfreunden, die auch als kulturell gesteuerte Störung interpretiert werden kann. Hat der Arzt den Eindruck, dass es sich um eine funktionelle Störung handelt, so kann die Suche nach einer psychiatrischen Erkrankung indiziert sein (vor allem affektive und Angststörungen). Funktionelle Symptome entstehen als Verwandlung des Patientenproblems in eine legitime Krankheit, die in das Konzept der Gesellschaft passen muss. Das heißt, sie entstehen durch eine Verbindung von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren, die in verschiedener Kombination vorbereitend, auslösend und perpetuierend wirken. Der Arzt muss dem Patienten erklären, dass die Schmerzen durch Verhalten, psychische und emotionale Faktoren, gerichtete Aufmerksamkeit und Stress ausgelöst oder verstärkt werden können. Das verhilft dem Patienten zu der Einsicht, über Veränderungen seiner Umwelt oder seines Lebensstils seine Beschwerden selbst zu verringern. Es kann dem besseren Verständnis dienen, von einem Software-Problem des Nervensystems zu sprechen. Sehr wichtig sind pragmatische Anweisungen für den Umgang mit den Symptomen und die Ermutigung, den gewohnten Alltag fortzusetzen und die Arbeit trotz der Beschwerden wieder aufzunehmen. Plazebos und Yoga können einen schmerzlindernden Einfluss haben, ebenso wie die wahrgenommene Kontrollierbarkeit des Schmerzreizes. Andererseits ist die Überzeugung, krank zu sein, einer der wichtigsten Faktoren für das Anhalten der "medizinisch ungeklärten Symptome", sie können sich dank Massenmedien wie eine Epidemie verbreiten. L. Schelosky: Medizinisch ungeklärte Symptome am Beispiel des chronischen Schmerzes Aktuelle Neurologie 2007; 34 (1): S. 13-22
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