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Persönlichkeit & Psyche

Pillen für die Seele

17.07.2008
Keine andere Medikamentengruppe wird so kontrovers diskutiert wie Psychopharmaka: Aus der Behandlung seelischer Erkrankungen sind diese heutzutage kaum mehr wegzudenken. Allein in den ersten zehn Monaten des letzten Jahres wurden DAK-Versicherten Medikamente aus diesem Bereich im Wert von über 137 Millionen Euro verordnet. Gleichzeitig haben viele Patienten Bedenken: „Die Angst, dass die Mittel abhängig machen oder die Persönlichkeit verändern, ist weit verbreitet“, weiß Diplom-Psychologe Frank Meiners von der DAK.

Mehr Lebensqualität
Lange stand die Medizin seelischen Erkrankungen wie Depression oder Schizophrenie hilflos gegenüber. So verbrachten Betroffene noch in den 50er Jahren durchschnittlich sieben Jahre in stationärer Behandlung und mussten teils drastische Therapien wie Elektroschocks oder Gehirnoperationen über sich ergehen lassen. Nicht selten kam es dabei zu schweren Behinderungen oder sogar Todesfällen. „Psychopharmaka haben die Behandlung wesentlich verbessert – und den Betroffenen ein großes Stück Lebensqualität geschenkt“, erklärt DAK-Experte Frank Meiners. „Mit einer sinnvoll eingestellten Medikation führen viele heute ein fast normales Leben.“

Abschied vom Ich?
Dennoch: Ein Rest Unsicherheit bleibt. Denn tatsächlich können Psychopharmaka unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen. Diese reichen von vergleichsweise harmlosen Symptomen wie Müdigkeit, Mundtrockenheit und Lichtempfindlichkeit bis hin zu schwerer wiegenden Folgen wie Herz-Kreislaufproblemen und sexuellen Funktionsstörungen. „Charakter und Persönlichkeit der Betroffenen verändern die Medikamente aber nicht“, beruhigt der Psychologe. Auch die Sorge, von den Mitteln abhängig zu werden, ist in den meisten Fällen unbegründet. „Allerdings sollte die Dosis am Ende ‚ausgeschlichen’, das heißt langsam reduziert werden, um Schlafstörungen oder Unruhe zu vermeiden“, erklärt Meiners.

Achtung Benzodiazepin!
Das Gros der Psychopharmaka macht nicht abhängig. Mit einer Ausnahme: Benzodiazepine aus der Gruppe der Tranquilizer können tatsächlich schon nach wenigen Tagen körperlich und psychisch süchtig machen. Sie sollten daher nur kurzzeitig eingesetzt werden.

Nachrichtenlotse im Gehirn
Zielort der Psychopharmaka ist das Gehirn. Dort „docken“ sie an die Kontaktstellen zwischen den Hirnzellen an. In diesen so genannten Synapsen sind Botenstoffe enthalten, die zur Kommunikation zwischen den Zellen dienen. Normalerweise werden diese Stoffe durch elektrische Impulse freigesetzt und lösen an der nächsten Synapse wiederum eine Reaktion aus. So wird der Reiz von Zelle zu Zelle übertragen. Bei vielen psychischen Erkrankungen ist diese Weiterleitung gestört – die Medikamente helfen, sie wieder zu normalisieren.

Chancen und Risiken abwägen
Insbesondere bei schweren Ausprägungen von Schizophrenie, Depressionen sowie akuten Angst- und Spannungszuständen kommen Psychopharmaka zum Einsatz. „Medikamente können zwar die Ursache einer psychischen Erkrankung meistens nicht beseitigen, sie können aber ihre Symptome lindern“, sagt Frank Meiners. Allerdings sollten Nutzen und Risiken aufgrund der teilweise starken Nebenwirkungen gründlich abgewogen werden – und auch Alternativen einbezogen werden. So belegen Forschungsergebnisse, dass Sport und Bewegung im Gehirn ganz ähnliche Prozesse in Gang setzen wie beispielsweise Mittel gegen Depressionen.

Bewegung als Stimmungsaufheller
Immer öfter schicken Mediziner ihre Patienten daher aufs Laufband, raten zu Ausdauersport in Kombination mit oder anstelle von Psychopharmaka. Einige psychiatrische Leiden hängen mit einem gestörten Stoffwechsel zusammen – regelmäßige Bewegung bringt ihn wieder ins Gleichgewicht. Darüber hinaus gibt es fundierte Hinweise, dass sportliche Aktivität die Durchblutung bestimmter Hirnareale und die Verschaltung der Nervenzellen verbessert. „Idealerweise werden Medikamente, Psychotherapie und Bewegung zu einem effektiven, ganzheitlichen Behandlungsprogramm kombiniert“, erläutert der DAK-Psychologe.

Welche Psychopharmaka gibt es?
Neben den Hauptgruppen – Tranquilizern, Antidepressiva und Neuroleptika (siehe unten) – zählen auch andere Substanzen, die Einfluss auf Konzentration, Gedächtnis und Aufmerksamkeit haben, im weiteren Sinne zu den Psychopharmaka. Dies sind zum Beispiel Lithium, Medikamente gegen Epilepsie, bestimmte Schlaf- und Schmerzmittel sowie Halluzinogene und Psychostimulanzien.

Betroffene nicht einfach „ruhigstellen“
Tabletten sollten möglichst nicht die einzige Therapieform sein. Mindestens genauso wichtig ist eine begleitende psychotherapeutische Betreuung der Patienten, sofern diese dafür zugänglich sind. Denn während die Medikation die akuten Symptome behandelt, können Gespräche und Verhaltenstrainings Betroffenen helfen, mit kritischen Situationen im Alltag grundsätzlich besser umzugehen. Meiners verweist dabei vor allem auf die zunehmende Verordnung von Psychopharmaka für Kinder – etwa zur Behandlung von Verhaltens- und Entwicklungsstörungen oder gegen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Innerhalb von nur zehn Monaten registrierte die DAK rund 70.000 Packungen, die Kindern bis 12 Jahren verordnet wurden. Weitere 40.000 Packungen erhielten Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren. Aufgrund der starken Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Diabetes sollte genau geprüft werden, ob Medikamente tatsächlich das geeignete Mittel sind. Psychotherapie ist häufig eine sinnvolle Ergänzung.

Wer braucht welches Medikament?
Neuroleptika werden zur Behandlung von Schizophrenie verwendet. Sie lindern Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen. Außerdem wirken sie beruhigend und dämpfend.

Antidepressiva werden bei unterschiedlichen Formen der Depression eingesetzt. Je nachdem, ob sich die Krankheit durch Schwermut oder Aggressivität äußert, können stimmungsaufhellende Präparate eingesetzt werden oder solche, die umgekehrt den Antrieb dämpfen.

Tranquillantien (auch Sedativa oder Tranquilizer genannt) werden zumeist bei Angst- und Spannungszuständen verordnet. Sie wirken beruhigend, lösen Ängste, fördern den Schlaf und die Entspannung der Muskeln.



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