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Persönlichkeit & Psyche

Neurobiologie der Arzt/Patient-Beziehung

15.08.2007
Wenn ein Arzt einem schmerzgequälten Patienten ein Schmerzmittel verordnet, so wirkt es viel besser, wenn der Arzt empathisch dazu äußert, "es wird helfen", als wenn er zweifelnd kommentiert, "es könnte helfen". Durch die Suggestionskraft des Arztes wird eine körpereigene, also im Gehirn des Patienten produzierte opium-ähnliche Substanz stimuliert. Ärzte, die mit Patienten in einer warmen, freundlichen und ermutigenden Weise umgehen, sind erfolgreicher. Zwar sind wir noch weit von einem neurobiologischen Verständnis der Arzt/Patienten-Beziehung entfernt, aber die Analyse einer anderen Wirkungskette bei der Wahrnehmung von Schmerzen in einem Aufsatz in der Zeitschrift "PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie" (Georg Thieme Verlag, Stuttgart. 2007) kann als Beispiel dafür dienen, wie psychisches Erleben in körperliche Reaktionen umgesetzt wird.

Es hat sich herausgestellt, dass die physischen und sozialen Schmerzsysteme eng miteinander verknüpft sind. Das heißt, dass die neuronalen Mechanismen, die durch körperlichen Schmerz und jenen, die durch das schmerzhafte Gefühl sozialen Ausgeschlossenseins aktiviert werden, die gleichen sind.
Klinisch bedeutsam erscheint dabei, dass beide Schmerzsysteme sich gegenseitig verstärken: Personen, die besonders empfindlich gegenüber Zurückweisungen sind, haben auch eine erniedrigte Schwelle gegenüber körperlichen Schmerzreizen. Patienten mit somatoformer Schmerzstörung fühlen sich von ihren behandelnden Ärzten in ihrem Krankheitserleben zurückgewiesen durch die Versicherung, man könne ihren Schmerz medizinisch nicht erklären. Auch hier ist ein Teufelskreis zu beobachten aus sozialer Isolation, Angst vor Zurückweisung und Schmerzverstärkung.

Diese Art und Weise der Schmerzverarbeitung erklärt sich aus der Evolution. Beim Menschen wie auch bei Primaten besteht ein grundlegendes biologisch verankertes Bedürfnis nach einer Schutz und Sicherheit gebenden engen emotionalen Bindung. Soziale Tiere, die starke Bindungen bilden und in Gruppen integriert sind, haben eine größere Chance zu überleben, sich fortzupflanzen und Nachkommen bis zum Reproduktionsalter aufzuziehen. Da sozialer Ausschluss eine größere Wahrscheinlichkeit bedeutet, nicht zu überleben oder sich nicht fortpflanzen zu können, hat die Evolution Mechanismen herausgebildet, die auf effiziente Weise ermöglichen, drohendes Ausgeschlossenwerden zu erkennen und darauf zu reagieren.
Das physische Schmerzsystem bietet sich als Grundlage für neuronale Netzwerke zur Erkennung von Trennungsschmerz an, da akuter physischer Schmerz hochgradig aversiv ist und das Flucht-, Kampf- oder Erstarrungssystem aktiviert. Diese Befunde werden bestätigt durch neuere Ergebnisse, wonach sozialer Ausschluss zur Aktivierung des Kampf-/Fluchtsystems führt.

M. E. Beutel: "Eine Medizin der menschlichen Beziehungen" revisited – Aktuelle neurobiologische und psychosomatische Entwicklungen. PPmP Psychotherapie, Psychosomatik, Medizinische Psychologie 2007; 57 (5): S. 206-212


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