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Modebehandlung oder sinnvolle Förderung?22.08.2007
Ergotherapie boomt – vor allem bei Kindergarten- und Grundschulkindern. So entfallen laut Krankenkassenberichten über die Hälfte aller Ergotherapie-Verordnungen auf Minderjährige. Und 70 Prozent davon auf Jungen. In der neuesten Ausgabe von Gehirn&Geist (9/2007) warnen Experten wie der Bonner Kinderneurologe Helmut Hollmann jedoch vor übertriebener Therapiegläubigkeit: Es gebe keine wissenschaftlichen Belege für eine Wirksamkeit, und oft basierten die Behandlungen auf längst überholten Theorien. Immer mehr Kinder haben heute Probleme mit eigentlich ganz selbstverständlichen Aufgaben – sie können etwa ihre Bewegungen nicht richtig koordinieren und einschätzen. Bei anderen hapert es eher an der Feinmotorik: Sie können zur Einschulung noch nicht mit Stift und Schere umgehen. Für Ergotherapeuten handelt es sich dabei um schwerwiegende Entwicklungsstörungen, die behandelt werden müssen, sonst bekommen die Kinder spätestens in der Schule große Probleme. Doch spielen andere Faktoren eine wichtigere Rolle. So sitzen viele Kinder täglich stundenlang vor dem Fernseher oder dem Computermonitor. Dabei konsumieren sie nur passiv – statt selbst kreativ zu werden, draußen zu spielen und ihre Fähigkeiten zu entdecken. Wenn also ein Fünfjähriger noch nicht gegenständlich malt, sollten sich laut Hollmann die Eltern öfter mit ihm und ein paar Buntstiften hinsetzen, anstatt sich vom Kinderarzt eine Ergotherapie verschreiben zu lassen. Häufig reicht nämlich etwas mehr Förderung daheim und im Kindergarten schon aus, um solche Entwicklungsrückstände wettzumachen. Denn auch ein Ergotherapeut versucht die fehlenden Fertigkeiten durch im Grunde einfache Maßnahmen zu vermitteln: Malen, Spielen, Werken, Bewegungsübungen – und viel individuelle Zuwendung. Das kann durchaus Verbesserungen bewirken, wenn es zuvor an entsprechenden Impulsen fehlte. Befindet sich ein Kind jedoch dank regelmäßiger und kompetenter Förderung durch Eltern und Erzieher ohnehin bereits im oberen Bereich seines persönlichen Entwicklungspotenzials, bringt auch eine Therapie nicht mehr viel. Aus wissenschaftlicher Sicht mangelt es der Ergotherapie bei Kindern grundsätzlich an Legitimation. Im Unterschied zum Einsatz in der Rehabilitation erwachsener Patienten existieren hierzu nämlich keine Studien. Es gibt keine Belege dafür, dass sich bei Minderjährigen mit Ergotherapie bessere Erfolge erzielen lassen als mit anderen Methoden – oder auch ganz ohne Behandlung! Denn Fünfjährige entwickeln sich nun einmal auch ohne professionelle Förderung ständig weiter – mitunter auch sprunghaft. Außerdem gibt es keinen allgemein gültigen „Fahrplan“: Was ein Steppke schon kann, kommt bei einem anderen vielleicht erst ein halbes Jahr später zum Vorschein. Zudem kritisieren Kinderneurologen wie Joachim Pietz, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Universitätsklinikum Heidelberg, dass viele Therapeuten antiquierten Theorien folgen, die aus Sicht der modernen Neurowissenschaften nicht haltbar sind – etwa der „Sensorischen Integrationstherapie“ oder dem beliebten Konzept des „Entwicklungsbaums“, demzufolge sich komplexere Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben erst dann ausbilden können, wenn das Zusammenspiel verschiedener Sinnessysteme gut klappt. Die biologischen Vorgänge bei der Ausbildung unserer Wahrnehmungsfähigkeiten sind jedoch laut Pietz weitaus komplizierter, als die Begründer dieser Ansätze wissen konnten. Gehrin&Geist 9/2007
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