|
|
Mein Leben auf Festplatte03.05.2007
Was habe ich am 18. April 1989 gemacht? Wie hieß die faszinierende Frau, mit der ich vor gut einem Jahr auf einer Geburtstagsfeier zusammensaß und deren Visitenkarte ich jetzt nicht wiederfinde? Wo habe ich jene verrückte Geschichte gelesen, von der mir jetzt nur noch bruchstückhafte Einzelheiten einfallen?Es wäre doch geradezu wundervoll, wenn man den Mängeln des eigenen Gedächtnisses, die sich nur allzu oft schmerzlich bemerkbar machen, durch eine Maschine abhelfen könnte. Die Neuigkeit ist: Eine solche Gedächtnisprothese ist mittlerweile im Rahmen des technisch Möglichen. Die Kapazität elektronischer Speichermedien ist in den letzten Jahren ins Astronomische gewachsen, und ein Ende dieses Trends ist nicht abzusehen. Es gehört nicht viel prophetische Gabe dazu vorherzusagen, dass man in zehn Jahren für 100 Euro eine 1000-Gigabyte-Festplatte kaufen kann. Auf die passt alles, was man in hundert Jahren zu sehen bekommt, sämtliche Bundesligaspiele und alle Folgen der "Lindenstraße" inklusive. Das Problem ist nur: Man müsste alles, was man erlebt, zeitgleich auf die Festplatte aufzeichnen und – noch viel schwieriger – die ganze Fülle des Erlebten so organisieren, dass ein bestimmtes Ereignis auf Abruf verfügbar ist: Eine Orts- oder Zeitangabe, ein Name, ein eigentlich belangloser Kontext muss ausreichen, das ganze Ereignis aus dem künstlichen Gedächtnis wieder hervorzuholen. Es gibt zumindest einen Menschen auf der Welt, der das alles schon versucht hat. Gordon Bell, einer der Pioniere der Computertechnik, verwendet sich selbst als Versuchskaninchen in einem Projekt der Forschungsabteilung von Microsoft, das seit 2001 läuft, und berichtet darüber in der neuesten Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft. Natürlich hat Bell nicht von Jugend an seine Kamera mitlaufen lassen. Erst neuerdings trägt er eine Digitalkamera um den Hals, die automatisch immer dann auslöst, wenn etwas Interessantes ins Blickfeld zu geraten scheint. Ein plötzlicher Lichtwechsel oder die von einem Temperatursensor gefühlte menschliche Wärme in der Nähe sind Anlass genug, ein Bild zu machen. Sein Computer schreibt alles mit, was er tut, einschließlich der Internetseiten, die er sich anschaut. Wenn er unterwegs ist, protokolliert ein tragbares Gerät mit GPS-Empfänger seine momentane Position. Ein Programm führt die Daten dieses Geräts und der Kamera zusammen, und das ewige Rätselraten, wann und wo dieses Urlaubsfoto aufgenommen wurde, hat ein für allemal ein Ende. Nur aus der Vergangenheit sind die digitalen Daten spärlich, selbst für einen Menschen, der sein ganzes Berufsleben mit Computern zugebracht hat. Bell hatte nur diesen unglaublichen Haufen von Papier zu Hause, den praktisch jeder Zeitgenosse im Laufe seines Lebens ansammelt: Briefe, eigene und fremde Texte, Rechungen, Garantiescheine, Kontoauszüge, Fotoalben … Da half nichts: Ein fleißiger Assistent hatte sieben Jahre lang jedes Stück Papier einzuscannen. Und diesen ganzen Wust zu ordnen und auf Abruf verfügbar zu machen war noch einmal ein gewaltiges Stück Arbeit, das noch nicht ganz abgeschlossen ist. Das ist ja alles sehr nützlich, und richtig schön wird es erst, wenn man seinen Enkeln ganz detailliert und ungetrübt von der rosa Brille des Alters zeigen kann, wie es damals war. Aber eine digitale Gedächtnisprothese hat unverkennbare Ähnlichkeit mit Orwells "Big Brother". Dein digitales Gedächtnis überwacht dich auf Schritt und Tritt; es misst permanent deinen Herzschlag und dein Atemvolumen, es registriert über einen Sensor an der Kühlschranktür deine Naschgewohnheiten und macht dich darauf aufmerksam, dass du deine Zeit mit E-Mails an unwichtige Leute verplemperst. Es rettet dir sogar das Leben, wenn du mit einem Herzinfarkt am Boden röchelst, denn es ruft nicht nur automatisch den Notarzt, sondern kann ihm auch gleich deine komplette Krankengeschichte erzählen. Natürlich kannst du deinen "großen Bruder" abschalten, wenn du fremdgehen oder dich mit deinem Mafiaboss treffen willst. Aber wenn in deinem ansonsten lückenlos dokumentierten Leben just der Tag fehlt, für den sich deine Ehefrau oder die Steuerfahndung interessiert, kommen sehr unangenehme Fragen auf. Da hilft es wenig, wenn das digitale Gedächtnis beschlagnahmesicher auf den Bahamas steht und nur über eine sichere Internetverbindung Kontakt mit dir hält. Bell selbst ist sich sicher, dass der immense Nutzen, den ein digitales Gedächtnis seinem Besitzer bringt, solche Bedenken mühelos hinwegfegen wird. Auf jeden Fall bietet schon die Idee reichlich Stoff zum Nachdenken. Quelle: Spektrum der Wissenschaft 05/2007
Weitere Tipps aus dieser Rubrik:
Jugend |
Regional |
Unterhaltung |
Reisen |
Gesundheit |
Haus & Garten
Impressum | Disclaimer | Kontakt Sitemap Jugend:
News | Wir über uns | Top Themen | Angesagt | Schule | Wissen | Sport | Brennpunkt | Entertainment | Top 5 Gelbe Seiten Sitemap Gesundheit:
Beauty | Neues aus der Welt der Gesundheit | Psychologie | Wellness | Was ist eigentlich...? | Ernährung | Bücher & Medien | Top 5 Gelbe Seiten Sitemap Haus & Garten:
Aktuelles | Bauen und Renovieren | Wohnen | Unter freiem Himmel | Kräuter-ABC | Maschinen und Handwerkzeug | Bücher & Medien | Veranstaltungen | Top 5 Gelbe Seiten © 2012 Themenguide.de - Wellness, Kosmetik, Gesundheit
|