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Geheimcode der Psyche27.08.2007
Der eine fühlt sich ständig gestresst, den anderen wirft scheinbar nichts aus der Bahn. Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf die Widrigkeiten des Lebens? In der aktuellen Ausgabe von Gehirn&Geist (9/2007) berichtet der Psychologe Turhan Canli von der Stony Brook University (New York), wie eine einzelne Genvariation die Anfälligkeit für Depressionen erhöhen kann. Was nicht heißt, dass Stressresistenz nur eine Frage der Gene ist. Denn welche Erbfaktoren in belastenden Situationen überhaupt aktiv werden, hängt unter anderem von unseren früheren Erlebnissen ab. Der Immunologe und Psychiater Joachim Bauer von der Freiburger Universitätsklinik betont in Gehirn&Geist den Einfluss von guten Beziehungserfahrungen in der Kindheit: Sie fördern langfristig die Aktivität eines wichtigen Anti-Stress-Gens. Inzwischen kennen Forscher einige Erbfaktoren, die mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung stehen. Der bekannteste heißt “5-HTT” und enthält die Bauanleitung für ein Eiweiß, das im Gehirn den Botenstoff Serotonin transportiert. Dieses Gen existiert in der Bevölkerung in zwei unterschiedlich langen Varianten. Statistisch gesehen reagieren Menschen mit mindestens einer kurzen 5-HTT-Version ängstlicher als jene, denen Vater und Mutter je eine lange Variante in die Wiege gelegt haben. In den vergangenen Jahren wies Turhan Canli zusammen mit dem Persönlichkeitsforscher Klaus-Peter Lesch aus Würzburg zudem nach, dass die Aktivität wichtiger Emotionszentren im Gehirn von der genetischen Ausstattung abhängt: Wer eine kurze Version des Transportergens sein eigen nennt, bei dem arbeiten die Mandelkerne (Amygdalae) tendenziell stärker. Die lange Genvariante dagegen bietet offenbar einen Schutz vor depressiven Störungen nach schweren Lebenskrisen, wie eine Langzeitstudie an etwa 1000 Neuseeländern ergab. Selbst nach mehreren Schicksalsschlägen zeigte nicht einmal jeder sechste Anzeichen einer Depression. Bei Probanden mit zwei kurzen 5-HTT-Genen dagegen lag der Anteil bei 43 Prozent! Waren die Personen in der Vergangenheit jedoch wenig Unbill ausgesetzt, unterschieden sich die Besitzer von langen oder kurzen Genversionen nicht. Demnach spielen bei Depressionen sowohl Lebenserfahrungen als auch die biologische Veranlagung eine Rolle. Wie beides zusammenhängen könnte, entdeckten Michael Meaney und sein Team von der McGill University in Montreal. Der kanadische Forscher untersuchte einen Erbfaktor, der die körperliche Stressantwort dämpft. Wie alle Gene besitzt es eine Art Schalter: Auf ein Signal hin lagern sich dort bestimmte Proteine an und initiieren das Ablesen der Erbinformation. Meaney fand nun heraus, dass dieser Schalter bei neugeborenen Säugetieren durch eine chemische Hülle blockiert ist. Deshalb sind sie kurz nach der Geburt noch nicht in der Lage, ihr biologisches “Anti-Stressprogramm” zu aktivieren. Erst die Fürsorge der Mutter löst beim Nachwuchs die Entfernung der abschirmenden Hülle aus – und bringt das Anti-Stressgen zur Entfaltung. Gehirn&Geist 9/2007
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