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Persönlichkeit & Psyche

Autismus im Blut

10.10.2005
Möglicherweise lässt sich bald eine autistische Veranlagung bereits bei Neugeborenen feststellen – etwa mit einem simplen Bluttest. Dies würde eine frühzeitige und damit wesentlich effektivere Therapie der Verhaltensstörung ermöglichen.

Rund 35 000 Autisten leben in Deutschland – Menschen, die kaum mit ihrer Umwelt kommunizieren und fast keine sozialen Kontakte aufbauen. Die Betroffenen können ihren Gefühlen keinen Ausdruck verliehen und auch die Emotionen anderer nicht verstehen. Bislang können Ärzte die Entwicklungsstörung nur sehr eingeschränkt therapieren. Denn erst mit fast drei Jahren lässt sich bei einem Kind Autismus eindeutig diagnostizieren. Eine gezielte Förderung der Sprachentwicklung etwa sollte aber bereits im zweiten Lebensjahr beginnen. Doch jetzt stehen laut dem Magazin Gehirn&Geist (Ausgabe 10/05) neue Diagnosemethoden in den Startlöchern, mit deren Hilfe sich die Erkrankung schon bald viel früher erkennen lassen sollte.

David G. Amaral von der University of California in Davis und seine Kollegen hoffen, in einigen Jahren eine autistische Störung sogar schon bei Neugeborenen nachweisen zu können. Hintergrund: Die Forscher entdeckten kürzlich im Blut autistischer Kinder ungewöhnlich große Mengen bestimmter Immunzellen: etwa einen um 20 Prozent erhöhten Gehalt an Antikörper produzierenden „B-Zellen“ und sogar 40 Prozent mehr „natürliche Killerzellen“ als im Blut von Gesunden. Jetzt muss noch getestet werden, ob solche Unterschiede tatsächlich eine sichere Diagnose im Rahmen eines Bluttests erlauben.

Eine ganz andere Strategie verfolgt Lonnie Zwaigenbaum von der McMaster University im kanadischen Hamilton: An 200 einjährigen Kindern identifizierte sie eine Reihe von charakteristischen Verhaltensmerkmalen, die bereits in diesem zarten Alter auf die Krankheit hindeuten. Dazu gehören beispielsweise Passivität, erhöhte Reizbarkeit oder Schwierigkeiten beim Kommunizieren. Und schon bei sechs Monate alten Babys lassen bestimmte Verhaltensmuster – etwa ungewöhnlich geringe körperliche Aktivität – zu Recht Verdacht auf eine autistische Veranlagung keimen.

Auch das Wissen über die neurobiologischen Ursachen der Entwicklungsstörung hat in letzter Zeit zugenommen, wodurch Forscher sogar langjährige Vorstellungen über Bord werfen mussten. Bisher gingen die meisten Wissenschaftler davon aus, dass vor allem Funktionsdefizite in bestimmten Hirnregionen die typischen autistischen Symptome hervorrufen. Doch nach neuesten Erkenntnissen scheint das Problem eher darin zu bestehen, dass die einzelnen Hirnareale nicht richtig miteinander „reden“. Die Kommunikationsfähigkeit scheint bei Autisten also sogar in mehr als einer Hinsicht eingeschränkt zu sein.



Gehirn & Geist 10/2005


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